„Das Galgenmännchen“

Übertragung und Wahrnehmung

in einer Analysestunde des siebenjährigen Sam bei Dr. Peter Fonagy[1]

(German reprinted article: with permission by Author)

Article first published in: Das Galgenmännchen"-Übertragung und Wahrnehmung in
einer Analysestunde des 7-jährigen Sam bei Dr.Peter Fonagy- in: Analytische
Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie, Heft 106, 2/2000, S.201-227, Brandes
und Apsel, Frankfurt)

 

"Hang-Man"

Transference and Perception in a Psychoanalytic Session of the seven 
year old Sam with Dr. Peter Fonagy

(Reprinted Article, Eng. Abstract)

by

J. Kahl-Popp

 

Abstract:

In this paper I analyze in detail a therapy session of a seven years old boy called Sam, who was in psychoanalysis with Dr. Peter Fonagy for four years. Fonagy published the case material in an article with Anne-Marie Sandler in order to demonstrate their concepts of transference and interpretation. My investigation of the case material relates to its publication in 1997 in the journal „Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie“. After an introduction into the case material I describe and discuss the concepts of transference (Fonagy/Sandler) and of unconcious perception (Langs). Stimulated by Ferenczi’s thoughts I discuss whether projection and introjection could serve as theoretical delineators  to make clear the distinctions between perception and transference. The results of my investigation are guiding me to Bonac’s communicative theory of transference. With her findings in mind, I discuss the meaning of the interpersonal frame as being critical for differenciating between transference and perception in the clinical practice. I verify the results of my reflections with detailed analysis of the session.

 

1. Übersicht

In dieser Arbeit analysiere ich ausführlich eine Behandlungsstunde des siebenjährigen Jungen Sam, der insgesamt vier Jahre von Dr. Peter Fonagy behandelt worden war. Fonagy veröffentlichte das Fallmaterial in einem mit Anne-Marie Sandler gemeinsam verfassten Artikel[2], um ihr gemeinsames Übertragungs- und Deutungskonzept zu veranschaulichen. Ich beziehe mich auf die Veröffentlichung 1997 in der Zeitschrift ”Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie.“[3]

Nach einer Einführung in die Fallgeschichte werde ich die Konzepte der Übertragung (Fonagy und Sandler) und der unbewussten Wahrnehmung (Langs) beschreiben und diskutieren. Angeregt von Ferenczis Beitrag prüfe ich, inwieweit Projektion und Introjektion als theoretische Unterscheidungsmerkmale von Wahrnehmung und Übertragung dienen können. Die Ergebnisse führen mich zu Bonac’s Übertragungstheorie, anhand derer ich die Bedeutung des interpersonellen Rahmens zur Erfassung und Abgrenzung von Wahrnehmung und Übertragung in der Klinik untersuche.

Mit der dann folgenden Analyse der Behandlungsstunde möchte ich die Ergebnisse meiner Überlegungen verifizieren.

 

2. Einführung

Die Art und Weise, wie Fonagy von Sams Analyse berichtete, hatte mich spontan zur Auseinandersetzung damit angeregt, weil er einer der Analytiker zu sein scheint, die sich im wesentlichen an den abkömmlingshaften, d.h.den primärprozesshaften Mitteilungen seiner Patienten orientieren. Bei ihm konnte Sam verbale, bildhafte und spielerische Ausdrucksformen seiner vor- und unbewussten psychischen Verarbeitung entwickeln, die Fonagy psychoanalytisch zu verstehen und zu deuten versuchte. Fonagy handelte überwiegend im Geiste der psychoanalytischen Grundregel. Das machte ihn mir vom ersten Lesen an sympathisch.

 

Die Fallgeschichte:

Fonagy hat Sam als einen unglücklichen Jungen beschrieben, der eine akute Depression um seinen sechsten Geburtstag herum entwickelte, weil sein leiblicher Vater, Peter, zu dieser Zeit mit seiner neuen Familie in einen anderen Kontinent gezogen war. Sam entstammte einer kurzen Affäre seines Vaters mit seiner Mutter, Priscilla, die eine langjährige Beziehung ohne Sexualität zum gegenwärtigen Stiefvater Sams unterhielt, der ihn liebevoll umsorgte. Auch der Stiefvater, Fred, hatte wie der leibliche Vater eine andere Frau mit zwei Kindern, lebte aber mit Sam und Sam’s Mutter

Wie Fonagy berichtet, war die Beziehung der chronisch depressiven Mutter zu Sam willkürlich, widersprüchlich, belastet und schwierig. Es schien, daß sie Sam für ihre psychische Stabilisierung brauchte. Fonagy berichtet, daß Sam plötzliche Beziehungsabbrüche der Mutter zu verkraften hatte und auch ein Objekt ihrer verführerischen Nähewünsche war.Demzufolge blieb Sam regressiv an die Mutter gebunden, schlief in ihrem Bett, ließ sich das Fläschchen geben und bestand auf einer langen, bis zur Hüfte reichenden Haarsträhne.Trotz hoher Intelligenz hatte Sam Leistungsprobleme in der Schule und war sozial ein Außenseiter. Sam kam fünf Sitzungen pro Woche zu Fonagy. Die Stunde, die ich untersuche, entstammt dem zweiten Behandlungsjahr.

 

3. Das Übertragungskonzept von Fonagy und Sandler

Seit Freud haben sich viele psychoanalytische Autoren um eine schlüssige Konzeptualisierung von Übertragung mit ihren klinischen Manifestationen bemüht. Diese Bemühungen haben im Laufe der Entwicklungsgeschichte der Psychoanalyse zu einer Vielzahl sehr unterschiedlicher Auffassungen über elementare behandlungstechnische Begriffe geführt; dies gilt insbesondere auch für den Begriff Übertragung. Auf eine umfassende Darstellung und Würdigung des aktuellen Stands möchte ich im Rahmen dieser Arbeit verzichten[4]

Fonagys und Sandlers Übertragungskonzept ist der klassischen psychoanalytischen Sichtweise zuzuordnen. Diese Sichtweise bezeichnet die Wiederholung stereotyper Verhaltensweisen der Patienten, die nicht zur Wirklichkeit der gegenwärtigen therapeutischen Interaktion passen, als Übertragung. Die Bewertung dieser stereotypen Verhaltensweisen als Fehlanpassung obliegt dem Psychoanalytiker. Was der Patient mit dem Analytiker erlebt, hat in dieser „konservativen Einstellung“ (Thomä, 1999, S. 843) wenig oder keinen Bezug zum aktuellen Verhalten des Analytiker

Fonagy und Sandler nehmen ”auf dem Stand der Diskussion am Anna Freud Centre” (Fonagy/Sandler, 1997, S. 373-379) an, dass der Druck ungelöster intrapsychischer Konflikte zwischen den Instanzen und zwischen Selbst- und Objektrepräsentanzen (den verinnerlichten Objektbeziehungen) dazu führt, dass Konflikt-Teile oder ganze Konflikt-Konstellationen via Projektion in die Außenwelt externalisiert und auf den Psychoanalytiker verschoben werden. Außerdem kann das, was als Übertragung verstanden wird, aus aktuellen Beziehungen des Kindes außerhalb der Analyse stammen, und die „intensivsten“ Übertragungen können sich auf die Eltern der Gegenwart und nicht auf den Analytiker richten (Fonagy/Sandler, 1997, S. 375, S. 378)

Die wesentlichen Merkmale der so gedachten Übertragungsprozesse sind die seelischen Verarbeitungsmechanismen Projektion, Externalisierung und Verschiebung.

Der Patient bringt in die analytische Beziehung seine unbewußte Phantasie ein, die den Austausch mit seinen projizierten seelischen Inhalten anreichert. Deshalb,  so stellen die Autoren fest, sei der Charakter der Übertragungsphantasien oder Übertragungshandlungen illusionär und dergestalt, daß der Patient den Analytiker verzerrt wahrnehme und ihm unangemessene Gefühle, Einstellungen und Phantasiebildungen entgegenbringe. Fonagy und Sandler erwähnen, dass eine präzise Definition der Übertragung zur Zeit nicht möglich sei. Stattdessen dehnen sie m.E. den Übertragungsbegriff inflationär aus, indem sie die Übertragung  als „elastisches” Konzept betrachten, ”... dessen Bedeutung vom Kontext abhängt, in dem er verwendet wird, ...” (Fonagy/Sandler, 1997, S. 374). 

Diese Konzeptualisierung beinhaltet einen Wechsel der kategorialen Ebene und bringt die Autoren dazu, die Übertragung einmal als ”Transportmittel” für unbewußtes Material des Patienten anzusehen, um einige Sätze später von der Übertragung als diagnostischem und klinischem Instrument zu sprechen. M. E. droht diese konturlose Definition den Übertragungsbegriff ad absurdum zu führen.

In einer neueren Arbeit von Anne-Marie und Joseph Sandler (1999) konstatieren die Autoren, dass es sich bei Übertragungsprozessen nicht nur um eine illusionäre Wahrnehmung des Analytikers handele. Der Patient bemühe sich aktiv, subversiv oder manipulativ darum, mit dem Analytiker eine spezifische Interaktionssequenz aus der frühen Kindheit zu reinszenieren. Dies geschehe mittels eines Rollenangebots durch den Patienten, auf das der Analytiker mit seiner „gleichschwebenden Antwortbereitschaft“ („freefloating responsiveness“) reagiere (Sandler /Sandler, 1999, S.72 ff ). Auch wenn die Autoren einräumen, dass der Analytiker aktiv daran beteiligt ist, dass und wie der Patient mit ihm seine Kindheitsszene wiederholt, beinhaltet ihr Übertragungskonzept die zentrale Vorstellung, dass der Patient den Analytiker verwendet: „Die Übertragung stellt also einen Versuch des Patienten dar, sich eine unbewusste Wunschphantasie zu erfüllen (an der die Phantasierepräsentanzen seiner selbst und des Analytikers beteiligt sind), indem er eine Interaktion einer ganz bestimmten Art, eine Wechselbeziehung (im weitesten Sinne des Wortes) zwischen sich und dem Analytiker durchzusetzen versucht.“ (Sandler/Sandler,1999,S.75) 

Das Sandler’sche Rollen-Konzept legt auch seine Umkehrung nahe: In der Art und Weise, wie der Analytiker dem Patienten seine Dienste anbietet, macht er ihm ein spezifisches Rollenangebot, mit manifesten und latenten Anteilen, auf das der Patient auf der Grundlage seiner verinnerlichten Objektbeziehungen, manifest und latent, „antwortet“.[5]  

Ich frage mich ,warum die Autoren diese Möglichkeit nicht in Betracht gezogen haben. Die Umkehrung einzubeziehen, würde dem Analytiker einen entscheidenden Anstoß zur selbstkritischen Betrachtung des psychoanalytischen Prozesses geben. 

In der vorliegenden Darstellung ihres Übertragungskonzepts haben Fonagy/Sandler keinen Hinweis darauf gegeben,

1.     ob und wie sie Übertragung und Nicht–Übertragung theoretisch und klinisch unterscheiden, und

2.     woran sie prüfen, ob ihr Verständnis von der Übertragung in der aktuellen Behandlungssituation mit dem Patienten gerade das richtige ist. 

Ich nehme an, dass Fonagy und Sandler sich nicht zu der Analytikergruppe zählen, die eine „totalistische“ Auffassung von Übertragung (Thomä, 1999, S. 826) vertreten, d.h. alle Mitteilungen des Patienten als Übertragung verstehen. Unter dieser Voraussetzung halte ich eine nähere Bestimmung jener abkömmlingshaften Mitteilungen des Patienten an den Analytiker für wichtig, die nicht für Übertragung gehalten werden können. 

Einfacher ausgedrückt: Was kommuniziert der Patient, wenn er nicht überträgt ? 

 

4. Das Konzept der unbewussten Wahrnehmung im kommunikativen Ansatz nach Langs 

Vor Aufgabe seiner Verführungstheorie und vor Einführung seiner Übertragungstheorie fasste Freud die Einfälle und Symptome seiner Patienten als verdrängte Erinnerungen, also als Wahrnehmungen von tatsächlich erlittenen Traumata auf.  Dadurch inspiriert, entwickelte Langs in den 70er und 80er Jahren den ”kommunikativen Ansatz in der Psychoanalyse”. (Langs,1978, 1988, 1992, 1995, u.a.) 

Die wesentlichen Grundlagen dieser Auffassung vom psychoanalytischen Dialog sind :

1.     Die primärprozesshaften Mitteilungen des Patienten enthalten nicht nur Übertragungen, sondern auch unbewusste Wahrnehmungen von der gegenwärtigen Interaktion mit dem Psychoanalytiker, deren Bedeutung der Patient unbewusst erfasst und analysiert.

2.     Mit diesen unbewussten Wahrnehmungen und deren Interpretation bezieht sich der Patient darauf, wie der Psychoanalytiker den interpersonellen Rahmen der Therapie handhabt, ob er einen ”sicheren Rahmen” anbietet, oder ob und wie er den Rahmen modifiziert.

3.     Patienten validieren unbewusst die Interventionen und Deutungen des Psychoanalytikers     kognitiv mit neuem Material, das zu einem tieferen Verständnis ihrer pathogenen Verarbeitungsprozesse beiträgt, und/oder intersubjektiv, indem sie positiv getönte Introjekte bilden und auf symptomatische und/oder widerständige Verarbeitungsprozesse verzichten können. Dagegen erhöhen Patienten ihren Widerstand, reagieren symptomatisch, ihre Symbolisierungen nehmen ab, und/oder sie bilden negativ getönte Introjekte, wenn der Analytiker mit seinen Interventionen und Deutungen nicht ihre innere Wirklichkeit erfasst.

Diese Erkenntnisse hat Langs entwickelt, indem er jahrelang psychoanalytische Dialoge mikroskopisch erforschte. Ich denke, seine Ergebnisse korrelieren mit den Ergebnissen der neueren Säuglingsforschung, so dass sich zwischen dem ”kompetenten Säugling” (Dornes, 1993) und dem ”kompetenten Patienten” (Einnolf, 1995) analoge Verbindungen ziehen lassen.

Den Ergebnissen der Säuglings- und Entwicklungsforschung (insbesondere Dornes, Lemche, Lichtenberg, Stern) entnehme ich, dass die Fähigkeit zu unverzerrter Wahrnehmung und ihrer Speicherung angeboren und deutlich vor der Fähigkeit zur Phantasiebildung[6] entwickelt ist. Das bedeutet auch: Phantasien sind nicht automatisch den Empfindungen (Wahrnehmungen) inhärent, wie z.B. im Verständnis von Melanie Klein und ihrer Schule. 

Ich folge Dornes‘ Auffassung, der Wahrnehmungen entwicklungspsychologisch dem Bereich zuordnet, den er als „das Psychische“ definiert, das von Anfang an als „Innenseite des Biologischen“ existiert, aber nicht in Form von Phantasie (Dornes, 1997, S. 102).

Thomä (1999, S. 845) stellt fest, dass in der wissenschaftlichen Diskussion der Psychoanalyse ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat: von der monadischen zur dyadischen Auffassung von Übertragung. Autoren, die eine dyadische Auffassung vertreten, halten die realistische Wahrnehmung des Patienten für bedeutsam, um die individuelle und intersubjektive Realität zu verstehen. Meines Wissens hat aber nur Langs Aufgabe und Funktion der bewussten und unbewussten Wahrnehmungen des Patienten im analytischen Dialog untersucht und sie unterschiedlichen seelischen Instanzen zugeordnet. 

 

Unbewußte Wahrnehmung und ihre intrapsychische Verarbeitung

Die unbewusste Wahrnehmung, wie ich sie vom kommunikativen Ansatz aus verstehe, dient dem Kind dazu, die den  Mitteilungen und Handlungen seiner Eltern zugrunde liegenden unbewussten Motive und Absichten unverzerrt aufzunehmen und zu speichern. Das, was Kinder unbewusst wahrnehmen, kann den bewusst vermittelten Absichten und Motiven ihrer Eltern und deren Interpretationen widersprechen oder deutlich davon abweichen. Phantasieren ist eine später entwickelte psychische Kompetenz, die u.a. der weiteren Verarbeitung der bewussten und unbewussten Wahrnehmungen dient, bis hin zu deren Symbolisierung.

Ich nehme an, daß die wesentliche innerpsychische Verarbeitungsweise von emotional bedeutsamen, lustvoll-angenehmen, bedrohlich-schmerzvollen und verwirrenden unbewussten Wahrnehmungen besonders in Abhängigkeitsbeziehungen, wie in Eltern-Kind- und Analytiker-Patient-Verhältnissen, die Introjektion ist. Laplanche/Pontalis beschreiben den Vorgang der Introjektion wie folgt: „ Das Subjekt lässt in seinen Phantasien Objekte und diesen Objekten inhärente Qualitäten von ‚außen‘ nach ‚innen‘ gelangen.“ (Laplanche/Pontalis, 1975, Bd. 1, S. 235) 

Dass vor allem Kinder und Patienten ihre unbewussten Wahrnehmungen von bedeutsamen Objekten introjizieren und zu „Introjekten“ weiterverarbeiten, halte ich für eine adaptive Fähigkeit, die der Selbsterhaltung und dem Austausch emotional bedeutsamer Botschaften mit anderen dient. Heilungsprozesse in der Psychoanalyse lassen sich deshalb als introjektive Identifikationen mit dem „guten“ Analytiker verstehen.

Ich stelle mir vor, daß Introjektionen und Introjekte (die inneren „Niederschläge“ der bewussten und unbewussten Wahrnehmungen) den „Nährboden“ für spätere Projektionen und projektive Identifikationen (symbolisch dargestellt als bewusste und unbewusste Phantasien) bilden. So entsteht ein „Kreislauf“ aus introjektiven und projektiven Prozessen, der der Vermittlung zwischen Innen- und Außenwelt dient. Unter diesen Voraussetzungen wird die „Projektionsbereitschaft“ des Patienten im analytischen Dialog von einem gegenwärtigen Auslöser des Analytikers angesprochen, und daraus können sich Übertragungen bilden. 

 

5. Unbewußte Wahrnehmungen und Übertragungsphantasien - Ferenczis Beitrag

Ferenczi führte den Begriff „Introjektion“ 1909 in die Psychoanalyse ein, indem er versuchte, die Übertragung als eine Introjektion zu definieren. Er beschrieb dabei die besondere Introjektionsbereitschaft des Neurotikers, der an einer Übersteigerung der normalen „Ausweitung des Ich“ (Introjektion) durch die Objektliebe leide. Wie bei allen Krankheitssymptomen handele es sich auch bei der Introjektion des Neurotikers um einen Selbstheilungsversuch (Ferenczi, 1909 und 1912). Den möglichen Abwehrcharakter von Introjektion griff Ferenczi in einem weiteren Aufsatz über die Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinns auf, in dem er eine „Introjektionsphase der Psyche“ postulierte, in der alles Außen quasi nach Innen verlagert werde, um die frühkindliche Allmachtsphantasie aufrechtzuerhalten (Ferenczi, 1913).

Angesichts der Abhängigkeit und Hilflosigkeit des Kindes und seiner existenziellen Ohnmacht gegenüber den Eltern kann ich das Allmachtsmotiv auch für die intrapsychische Verarbeitung nicht gelten lassen. Welchen Sinn hätte es, wenn ein Säugling oder Kleinkind seine Abhängigkeit wahnhaft verleugnete? M.E. handeln Kinder, wenn sie vor allem bedrohliche, schmerzvolle, d.h. eben nicht bewusstseinsfähige Wahrnehmungen von den Eltern introjizieren, auf sich verschieben und dabei eine gute Eltern-Repräsentanz aufrechterhalten, aus Überlebenswillen und aus Angst vor Vergeltung.

Wie durch Aggression oder Verführung traumatisierte Kinder ihre Verletzung psychisch adaptieren, hat Ferenczi hellsichtig und präzise in seiner Arbeit „Sprachverwirrung zwischen dem Erwachsenen und dem Kind“ (1933) beschrieben: Das verletzte Kind reagiere mit der „Introjektion des Aggressors“.[7] Eine wesentliche Folge der Introjektion des Aggressors sei die Introjektion seines Schuldgefühls durch das Kind, die meistens zum Rollentausch führe (das Kind muß den Erwachsenen heilen). Des weiteren gebe es eine Spaltungstendenz in der Persönlichkeit des traumatisierten Kindes, um das Trauma ungeschehen zu machen und von dem real bösen, weil verletzenden Objekt via Verleugnung bzw. Idealisierung ein gutes inneres Bild zu erhalten. 

Ferenczi bezog in seine Überlegungen zum kind-elterlichen Abhängigkeitsverhältnis auch das Abhängigkeitsverhältnis des Patienten vom Analytiker ein. Er bemerkte, dass Patienten dazu neigten, sich mit dem Analytiker zu identifizieren, wenn sie ihm eigentlich widersprechen müssten. Außerdem sagte er: „Wir müssen also aus den Assoziationen der Kranken nicht nur unlustvolle Dinge aus der Vergangenheit erraten, sondern, mehr als bisher, verdrängte oder unterdrückte Kritik an uns.“ (Ferenczi, 1933, zit. n. 1982, Bd. II, S. 305) Ohne die heutige Begrifflichkeit zu kennen, beschrieb er z.B. in seinem Tagebuch (1932) die Assoziationen einer Patientin wie wirklichkeitsgetreue, verschlüsselte und verschobene unbewußte Wahrnehmungen seiner Handlungen und als ihren unbewußten Verbesserungsvorschlag an ihn (z.B. Ferenczi, 1932, zit. n. 1999, S. 40). Und er warnte davor, dass das, was man Übertragung nenne, vom Analytiker künstlich erzeugt sein könne (Ferenci, 1932, zit. n. 1999, S. 143).

Als er die eigenen Interventionen zum Ausgangspunkt von Deutungen nahm und damit erreichte, dass dem Patienten nicht das passierte, was er aus seiner Lebensgeschichte kannte: die Schuld der Eltern (des Analytikers) übernehmen zu müssen, erlebte Ferenczi, wie heilsam diese Erfahrung für den Patienten war (Ferenczi, 1933, zit. n. 1982, Bd. II, S. 306).

Im klassischen Übertragungskonzept, wie es auch von Fonagy und Sandler vertreten wird, ist der Grundtenor der, dass die Übertragung des Patienten überwiegend von der Projektion und der Verschiebung innerer Repräsentanzen, also von sich oder äußeren Elternobjekten weg auf den Psychoanalytiker, geprägt ist. Wie ich in meinen bisherigen Ausführungen aufgezeigt habe, möchte ich diese Sichtweise dadurch ergänzt wissen, dass Patienten außerdem die Innenwelt und Rahmengestaltung des Psychoanalytikers unbewusst korrekt wahrnehmen und diese Wahrnehmungen, besonders, wenn sie mit verletzenden oder beunruhigenden Erfahrungen verbunden sind, introjizieren und vom Analytiker auf sich verschieben. Ich meine, dass Ferenczi in der Weise, wie er den psychoanalytischen Dialog verstand, diese beiden Dimensionen implizit im Blick gehabt hat.

 

6. Wahrnehmung oder Übertragung - die klinische Übertragungstheorie von Bonac

Weil der Patient in der Interaktion mit dem Analytiker unbewusste Wahrnehmungen und unbewusste Übertragungsphantasien verarbeitet und kommuniziert, werden klare Unterscheidungsmerkmale zwischen diesen elementaren seelischen Aktivitäten benötigt, die in der Klinik anwendbar und überprüfbar sind. Wie können in den Abkömmlingen der Patienten unbewusste Wahrnehmungen von Übertragungen unterschieden werden? 

Voraussetzung für das „richtige“ Verständnis der Abkömmlinge ist ein relativ Gegen­Übertragungs-freier interpersoneller Rahmen der psychotherapeutischen Beziehung. Nur so ist annähernd gewährleistet, dass die Patienten in ihren Einfällen nicht die Übertragungen des Analytikers reflektieren, sondern eigene Übertragungsphantasien zum Ausdruck bringen. 

Abkömmlinge, die unbewusste Wahrnehmungen beinhalten, geben die Wirklichkeit dessen, was mitgeteilt wird, korrekt wieder. Abkömmlinge, die unbewusste Übertragungsphantasien transportieren, geben die Wirklichkeit dessen, was mitgeteilt wird, verzerrt wieder. In beiden Fällen wird die Mitteilung verschlüsselt.Wie der Psychoanalytiker die verschlüsselten Mitteilungen seines Patienten versteht, ob als Wahrnehmung oder Übertragung, bestimmt seine Deutung. 

Hat der Analytiker mit seiner Deutung „ins Schwarze getroffen“, wird sie der Patient, unbewusst, validieren. Im anderen Fall wird er dem Analytiker u.U. verschlüsselte Korrekturhinweise geben. Die unbewusste Validierung des Patienten zu erkennen und zu verstehen, erscheint mir als das intraklinische Mittel, anhand dessen der Analytiker die Richtigkeit seiner Annahmen, Interventionen und Deutungen überprüfen kann.

Aus kommunikativer Sicht hat Bonac (1998) auf der Grundlage ihrer klinischen Forschungen eine Übertragungstheorie formuliert. Sie hat herausgefunden, dass die Übertragungsmanifestationen der Patienten an der Art, wie sie mit dem interpersonellen Rahmen umgehen, deutlich werden, wobei Bonac vorausgesetzt hat, dass der Analytiker dem Patienten einen „sicheren Rahmen“ (Langs)[8] anbietet (Bonac, 1998). 

Die Abkömmlinge des Patienten seien besonders dann Träger von Übertragungsphantasien und -ängsten, wenn der Patient zuvor selbst den interpersonellen Rahmen gesichert habe. Manifestationen der dann folgenden Übertragung seien paranoid gefärbte, unrealistische Ängste des Patienten vor einer möglichen Wiederholung eines seiner Kindheitstraumen.

Ein wesentlicher Bestandteil der Bonac’schen Übertragungstheorie ist die Erkenntnis, da unbewusste Wahrnehmung und Übertragung Funktionen von Zeit sind. D.h. wir Menschen nehmen unsere lebensgeschichtliche Vergangenheit mit den erlittenen Verletzungen und unsere gegenwärtigen Interaktionen unbewusst korrekt wahr. Diese Wahrnehmungen bestimmen unsere unbewussten Phantasien über die Zukunft. Während bereits Erlebtes, Abgelebtes, hinter uns Liegendes, sowie gerade eben noch Gegenwärtiges und doch schon Vergangenes die Grundlage unserer Introjektionen bilden, kann die Qualität unserer Zukunftsvorstellungen nur projektiv sein. Bonac führt aus, dass die Übertragung des Patienten eine Phantasie beinhalte, mit der er sich immer auf ein zukünftiges, erwartetes oder befürchtetes Ereignis beziehe. Die Übertragungsphantasie sei unrealistisch, und der Angstaffekt des Patienten erfolge ohne eine gegenwärtige pathologische interpersonelle Quelle. 

Durch meine eigenen klinischen Beobachtungen bin ich zu ähnlichen Ergebnissen wie Bonac gekommen: Patienten neigen dann dazu, Übertragungsphantasien zu  bilden, wenn die Interaktion des Psychoanalytikers relativ frei von seiner eigenen Übertragung ist, er einen sicheren interpersonellen Rahmen anbietet und/oder der Patient seinerseits den Rahmen in Richtung Sicherheit gestaltet. Ich denke auch, dass das Angebot eines sicheren Rahmens durch den Analytiker und/oder die Sicherung des Rahmens durch den Patienten die gleichen Ängste in ihm mobilisiert, die er durch die Verletzungen seines genetischen Entwicklungs-Rahmens erlitten hat, damals verursacht meist durch die Eltern. Diese Ängste beeinträchtigen das Vertrauen in den Analytiker, mit ihm etwas Neues, Gutes und Heilsames zu erleben und nicht die gleichen schmerzvollen Erfahrungen zu machen wie früher.

Ein Beispiel: Ein Patient beginnt, die Trennung vom Analytiker auszuhalten, ohne zu agieren oder damit einhergehende Furcht abzuwehren. (Das entspricht einer Sicherung der guten Beziehung zum Analytiker - des „Rahmens“ - durch den Patienten.) Als Folge können schmerzvolle Phantasien und Ängste der Ohnmacht und Überwältigung auftreten, die durch die Erinnerung an frühere Kindheitserlebnisse der Bemächtigung und Gewalt in Trennungssituationen mobilisiert werden. In einer auf die Zukunft bezogenen Angst-Phantasie, den Analytiker z.B. durch Willkür plötzlich zu verlieren, erlebt der Patient den Analytiker, als ob der sein verletzendes Elternteil wäre. Diese Angst-Phantasie ist eine Übertragungsphantasie. Hat der Psychoanalytiker seinerseits den sicheren Rahmen (Zuspätkommen oder kurzfristige Stundenabsage) kurz vor der Angst-Phantasie des Patienten modifiziert, ist sie Ausdruck seiner unbewussten Wahrnehmung und Bedeutungsanalyse der Rahmenveränderung des Analytikers, der ihn damit wirklich geängstigt und an seine verletzenden Eltern erinnert hat.

Rahmenveränderungen können vom Analytiker, vom Patienten selbst, oder, wie bei Kinder-Patienten, von deren Eltern oder Bezugspersonen vollzogen werden. In den Abkömmlingen, die der Veränderung folgen, kommunizieren und analysieren Patienten verschlüsselt ihre unbewusste Wahrnehmung der vorangegangenen Abweichung vom sicheren interpersonellen Rahmen. Sie beziehen sich darin auf die Gegenwart und spiegeln wider, welche emotionalen Folgen die Rahmenveränderung für sie hat. Ihre unbewusste Bedeutungsanalyse des Wahrgenommenen kann auch Erinnerungen an genetische Verletzungen ihres Entwicklungs-Rahmens z.B. durch die Eltern beinhalten. Nach meiner Erfahrung geben Patienten auch verschlüsselte Hinweise darauf, wie der Rahmen in Richtung Sicherheit verbessert werden könnte und sollte.[9]

Der Analyse von Sams Behandlungsstunde bei Peter Fonagy lege ich meine eben entwickelten Erkenntnisse über Wahrnehmung und Übertragung zugrunde. Ich werde das klinische Material mit folgenden Fragen prüfen:

·       Was teilte Sam mit seinen Einfällen, Bildern und Spielhandlungen Fonagy primärprozesshaft  mit?

·       Handelte es sich um Übertragungsphantasien oder unbewusste Wahrnehmungen?

·       Wie verstand Fonagy die verschlüsselten Mitteilungen seines Patienten? 

·       Validierte Sam unbewusst das Verständnis seines Analytikers? 

·       Welches Verständnis und welche Interventionen des Analytikers wirkten heilsam auf Sam?

 

7. Sams Behandlungsstunde[10]  

Die Ausgangssituation der Behandlungsstunde war eine für die psychoanalytische Arbeit mit Kindern typische:

Fonagy berichtet zusammenfassend  von einer Freitagsstunde und dem bevorstehenden Ausfall der Montagsstunde wegen eines Feiertags. In dieser Freitagsstunde bezog Fonagy Sams Spiel, der immer wieder vom Tisch auf den Teppich hüpfte, auf diese bevorstehende Kluft in ihrer Beziehung, die ihm wohl Angst mache. Fonagy spürte, daß Sams Erwiderung”Ich springe ins Unbekannte” eine verschlüsselte Mitteilung war, die etwas beinhaltete, was er, der Analytiker, zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Sams Mutter hatte einseitig beschlossen, auch die Dienstagsstunde abzusagen, was sie am Sonntag nach der Freitagsstunde per Anrufbeantworter tat. 

Die Mutter, die Sam immer zu seinen Stunden brachte, hatte am Psychoanalytiker vorbei Sams Therapierahmen verändert und, wie der Leser später erfährt, ihre Absage Sam gegenüber auch noch projektiv verzerrt: Sie hatte Sam erzählt, Fonagy wolle ihn nicht sehen, weil er (Fonagy) zu müde sei. 

Wenn ich jetzt diese Rahmenverletzung der Mutter analysiere, bin ich mir meiner im Vergleich zur „blinden“ Lage Fonagys privilegierten Denkposition im Nachhinein bewusst. 

Die Mutter agierte gegen Sam und Fonagy aggressiv-eindringend. Gleichzeitig verleugnete sie ihre Aggression und verschob sie auf Fonagy, den sie für müde = krank erklärte. Dadurch kam Sam in eine schwierige Lage: Er konnte doch seine Mutter nicht offen als Lügnerin bezeichnen! 

Sam hätte m.E. folgenden Ausweg aus dieser heiklen Lage finden können: Er hätte die Aggression der Mutter introjizieren und die Müdigkeit auf sich verschieben können, um Mutter und Fonagy zu entlasten und als ”gut” zu erhalten. Statt der geliebten Erwachsenen würde dann er sich schuldig und böse fühlen. Nach der Stundenabsage durch die Mutter hätte ich erwartet, dass Sam in der nächsten Stunde unbewusste Wahrnehmungen kommunizierte, mit denen er sich verschlüsselt auf das aktuelle Geschehen bezöge und vielleicht auch widerständig oder symptomatisch reagierte.

Tatsächlich gab Sam am Anfang der nächsten Mittwoch-Stunde, entgegen seiner Gewohnheit, der Mutter beim Abschied keinen Kuss und kam traurig auf Fonagy zu. Er reagierte auf dessen Begrüßung, indem er den Kopf auf die Tischplatte legte und sich die Finger in die Ohren stopfte.

Fonagy fragte ihn, was er wohl nicht hören wolle. Sam sagte: ”Sie werden sagen, dass ich sauer bin, weil Sie gestern nicht da waren. Ich bin nicht sauer, dass das klar ist!” 

Entsprechend meiner Vorstellung von unbewusster Wahrnehmung (siehe oben S. 5) war Sam vermutlich ärgerlich und enttäuscht darüber, dass Fonagy den Rahmen ihrer therapeutischen Beziehung gegenüber den destruktiven Impulsen seiner Mutter nicht gehalten hatte. Insofern hatte Fonagy die Verlässlichkeit ihres Zusammenseins infrage gestellt. 

Nun werden wir Zeuge, wie Sam seinen Zorn auf Fonagy mittels Affektumkehr abwehrte und verschlüsselt, auf sich verschoben, den vermeintlichen Grund des Stundenausfalls mitteilte: ”Ich bin sehr schläfrig und müde. Sehr, sehr müde. So müde, dass mir die Augen zufallen.” 

Fonagy schwieg und hörte ihm aufmerksam zu. Noch wusste er nicht, wie Sams Mutter ihrem Sohn gegenüber die Stundenabsage begründet hatte.

Ich denke, Sam spürte an der Art, wie Fonagy schwieg, dessen emotional offene, vertrauensvoll abwartende Haltung, so dass er nun zunehmend Abkömmlinge bilden konnte. Er sagte:

”Wir haben uns die Haare schneiden lassen”, lächelte kurz und fügte mit Nachdruck hinzu: „Ich bring den Mann um, der so viel abgeschnitten hat. Der hat 2½ Zoll, oder 2 Zentimeter oder sogar 2 Millimeter abgeschnitten.“ 

Verschoben auf seinen Haarschnitt, teilte Sam seine unbewusste Wahrnehmung darüber mit, dass ihm etwas sehr Wichtiges genommen worden war, was ihn vernichtend wütend gemacht und ihm das Gefühl vermittelt hatte, dass es keine klaren Grenzen gab, indem er ”wir” sagte, statt ”ich”.  Mit den Maßangaben des Schnittes wies Sam m.E. latent darauf hin, dass zwei Tage nach der letzten Sitzung oder vor zwei Tagen die Stunde abgesagt worden war, wodurch willkürlich das Maß – Zeitmaß - seiner Sitzungen verändert worden war. 

Nun berichtete er weiter vom geplanten Sommerurlaub und beschrieb ausführlich das Hotel und den Swimmingpool, wie groß das Becken sei. Er ging zum Fenster und versuchte es zu beschreiben: „Es ist so groß wie der Abstand zwischen den Häusern da drüben und den Häusern dort.“

Fonagy antwortete: “Weißt du, Sam, manchmal fühlen sich sehr kleine Veränderungen, z.B. die zwei Tage, gestern und am Feiertag, die ausgefallen sind, wie ganz große Abstände an, auch wenn es nicht die Sommerferien sind. Ich glaube, dass du zornig bist, weil es sich in den letzten Tagen für dich so anfühlte, als wären mein Haus und dein Haus ganz weit voneinander entfernt.”

Sam validierte diese Deutung nicht. Er reagierte mit Rückzug, indem er unmittelbar müde und schläfrig wurde und beschloss, auf dem Tisch zu schlafen. Er erklärte, dass er sich ausruhen und nachdenken wolle. Fonagy solle ihn nachdenken lassen und nicht die ganze Zeit stören. Er spreche mit ihm ”psychoanalysisch” und habe nie recht. 

Fonagy schwieg. Sam berichtete nun, wie hart er am Sonntag gearbeitet habe. Laut Fonagy war es eine lange, verwickelte Erzählung, in der es im wesentlichen darum ging, dass er Fred dabei geholfen hatte, Werbeprospekte für ein neues Produkt zu verschicken. 

Verknüpft mit seiner manifesten Kritik am Analytiker, verstehe ich die auf den Stiefvater verschobene Hilfsaktion als verschlüsselte Mitteilung an Fonagy dergestalt, dass Sam auf den Auslöser seiner Wut, Trauer und Müdigkeit hinwies: Am Sonntag  (Tag der Absage durch die Mutter)  hätte ich deine Hilfe benötigt. Da hättest du so hart arbeiten sollen wie ich, mich unterstützen und nicht allein lassen. Du hättest um mich werben sollen, etwas für unser/dein Geschäft tun sollen. Bei dieser unbewussten Bedeutungsanalyse (Dorpat,Miller, 1992) Sams handelte es sich um eine Rektifizierung, einen primärprozesshaften Hinweis darauf, wie der Psychoanalytiker dem Patienten besser helfen könnte und sollte.

Fonagy sagte: ”Es ist sehr hart für Dich. Du tust Dir selbst sehr leid, bei der Vorstellung, dass ich dich am Dienstag nicht gesehen habe, weil ich zu müde war und nicht arbeiten wollte; weil ich mich nur ausruhen wollte und mir gleichgültig war, wieviel dir das ausmacht.”

Da Fonagy immer noch nicht wusste, wie die Stundenabsage Sam gegenüber begründet worden war, verstand er Sams Vorwurf psychodynamisch „richtig“, aber real „falsch“ insofern, als er dachte, es handele sich um Sams Vorstellung, daß er, Fonagy, zu müde gewesen sei. 

Ich nehme an, Fonagy fühlte sich auch verwirrt und durch den massiven Angriff Sams gekränkt und verärgert; vielleicht empfand er auch Schuldgefühle, jedenfalls könnten diese unangenehmen Affekte seine vorwurfsvolle und projektive Deutung ausgelöst haben.

Sam musste nun die Situation klarstellen und entgegnete prompt: ”Ich hab das nicht gedacht, die Mama sagte, dass Sie mich nicht sehen wollen, wahrscheinlich seien Sie zu müde“. 

Sam reagierte auf  Fonagys Deutung mit einer manifesten Rechtfertigung: Anscheinend erlebte er sich von Fonagy zur Wiedergutmachung genötigt – die von Fonagy gefährdete gute therapeutische Beziehung zu retten - und gab dafür seine Mutter preis.

Als nächstes spielte Sam ein neues Spiel, das er ”Tote Finger” nannte: er stützte sich auf seine linke Hand, zog mit der rechten die Finger der linken Hand einzeln hoch und ließ sie wieder auf den Tisch zurück fallen, auf dem er saß. Dabei machte er den Eindruck, als hätte er eine feste Zählsequenz, die er ständig durcheinanderbrachte. Sam kommentierte das Spiel: ”Ich komme ständig durcheinander und weiß nicht, welcher tote Finger als nächstes dran ist.” Fonagy bemerkte nun, dass Sam bei jedem Durchlauf einen Finger ausließ. Intuitiv verstand Fonagy die unbewusste Verknüpfung der fünfstündigen Analyse Sams mit dem Spiel seiner fünf Finger. 

Er deutete: „Ich glaube, ich weiß jetzt, wie furchtbar durcheinander und ängstlich es dich macht, wenn du das Gefühl hast, dassdu von jemandem vergessen und übersehen wirst, der zu müde und zu traurig ist, als dass man auf die Person zählen könnte. Du fragst dich, ob ich weiß, dass Übergangenwerden sich fast so anfühlen kann, als wäre man innen tot – ein bisschen wie sich ganz, ganz müde fühlen.” 

Sam reagierte damit, dass er zwei ”tote Finger” hochzog und sie mit einem schmerzhaften Schlag auf den Tisch zurückschnellen ließ. Fonagy hatte zwar thematisiert, wie es sich anfühlt, von jemandem vergessen und übersehen zu werden, aber er hatte unerwähnt gelassen, dass er für die Aufrechterhaltung des Therapierahmens verantwortlich war, er Sam im Stich gelassen und die geschilderten Gefühle in Sam verursacht hatte.

Auf die zwei–Finger–Botschaft von Sam antwortete Fonagy: ”Es macht Angst, dass nicht nur du dich innen tot-müde fühlst, sondern auch ich irgendwie traurig-müde oder tot-müde bin, so müde, dass Schlafen das einzig Ungefährliche ist, was du hier mit mir tun kannst.” 

Ich vermute, dass Fonagy die Müdigkeit auf Sams ”Tote Finger” projizierte, die Sams Mutter auf ihn, Fonagy projiziert hatte, um ihre Schuldgefühle wegen der Absage abzuwehren. Aber er gab sich immerhin als an diesen unangenehmen Affekten irgendwie mit Beteiligter zu erkennen. Dadurch wurde Sam dazu angeregt, auf Fonagys weitergehendes Verständnis zu hoffen. Möglicherweise wechselte er deshalb seinen Kommunikationsmodus vom sprachlosen, agierenden Spielen zum Erzählen eines Traums und setzte sich dazu auf seinen Stuhl. 

Es ging um Emil und die Detektive: ”Emil wurde in einem Bus von einem bösen Mann Geld gestohlen, als er eingeschlafen war. Emil hatte viele Freunde. Und da gab es vier böse Männer, die sich zusammen gegen ihn verbündeten. Emil und die Jungs entdeckten all das aus der Bank gestohlene Geld. Sie fanden das Geld, das beim Bankraub gestohlen worden war und Emils Geld.” Danach berichtete Sam von seiner Angst vor Dieben, die in dem Schrank wohnten, der bei ihnen zuhause am oberen Treppenabsatz stehe, und dass Fred am Samstagabend nicht zuhause gewesen sei und ihn nicht, an den Dieben vorbei, zur Toilette habe begleiten können. Dann fragte er Fonagy, als sei es das Selbverständlichste und Allernächstliegende: „Wie alt sind Sie?”

In seiner Traumerzählung von Emil und den Detektiven berichtete Sam, wie ich annehme, verschlüsselt seine unbewussten Wahrnehmungen darüber, wie er die Stundenabsage verarbeitet hatte: der vertrauensvoll schlafende Junge wurde heimlich, hinter seinem Rücken bestohlen, von einem bösen Mann - Fonagy? Da sind noch mehr böse Männer, vier - vielleicht der Frisör, Fred, sein Vater und Fonagy? - die sich alle gegen Sam verschworen hatten -, der Diebstahl wurde für Sam zum Bankraub, so groß war sein Verlust, aber am Ende ging es doch gut aus. 

Jetzt tauchten bei Sam positive Introjekte auf: die guten Freunde und die Hoffnung, das Verlorene, alles gestohlene Geld, wiederzufinden. Vielleicht wurde Sams Optimismus davon getragen, daer Fonagys guten Willen spürte und seine Bereitwilligkeit, auch die eigene Lähmung, das eigene sich traurig-müde, bzw. tot-müde Fühlen in das analytische Verstehen einzubeziehen. Sams Einfälle zur Traumerzählung waren bewußtseinsnäher, und er näherte sich auch zeitlich dem Absage-Sonntag, denn seine Geschichte spielte am Samstagabend. 

Ich verstehe seine Erzählung folgendermaßen: Der von der Mutter versteckt inszenierte Stundendiebstahl, mit projektiv-verfolgenden Merkmalen, wird von den Dieben repräsentiert, die zuhause versteckt im Schrank wohnten und Sam bedrohten ( böse-verfolgende Introjekte als Ausdruck intrapsychisch verarbeiteter, bedrohlicher unbewußter Wahrnehmungen der ihn bestehlenden und belügenden Mutter). Deshalb konnte Sam nicht zur Toilette, die die Analyse symbolisiert, mit den von Druck befreienden, entlastenden Implikationen, weil Fonagy, verschoben auf Fred, nicht für ihn da war. 

Dies ist die klarste unbewußte Bedeutungsanalyse (Dorpat, Miller 1992) der auslösenden Intervention des Analytikers, die Sam bisher geschildert hat. Und nun kommt ein spontaner, noch bewusstseinsnäherer Hinweis, wen er wirklich meint, indem er Fonagy direkt anspricht: “Wie alt sind Sie?” Schade, dass wir hier den Ton seiner Stimme nicht hören, um daraus auf den möglicherweise anklingenden Affekt schließen zu können.

Fonagy deutete : “Weißt du Sam, wenn die Mama traurig oder müde ist, dann tut es sehr gut, wenn ein Mann in der Nähe ist, ein Freund so wie Fred oder ich. Doch heute hast du dich von mir sehr hängengelassen gefühlt wie damals von der Mama. Dann wirst du natürlich zornig, aber dann fühlt es sich so an, als hättest du gar keine Freunde und als gäbe es keinen Ort, an dem du deine besonderen Dinge aufbewahren kannst.”

Feinfühlig erfasste Fonagy Sams innere Wirklichkeit, weitgehend im Sinne einer Übereinstimmung, und seine affektive Verarbeitung des Bestohlen- und Verlassenseins. Allerdings deutete er auf der Grundlage seines Übertragungskonzepts: D.h. Fonagys Überzeugung nach glaubte Sam sich von der Mutter im Stich gelassen und sehnte sich deshalb nach väterlich-freundschaftlicher Unterstützung, die Sam von Fred auf ihn, Fonagy, übertrug . 

Ich erkläre mir Fonagys Unterlassung, sich als Urheber von Sams schmerzlichen Affekten zu erkennen zu geben, damit, dass Fonagy dachte, Sam externalisiere via Projektion seine Verlassenheitswut und -depression, weil Vater-Ersatz-Figur Fred nicht da war, und verschiebe diese auf ihn, den Analytiker.

Validierte Sam die Deutung? Auf den ersten Blick schien er sich verstanden gefühlt zu haben, denn seine Stimmung hellte sich auf. Ich denke, deshalb, weil Sam Fonagys tieferes Verständnis für die seiner vorher gedrückten Stimmung zugrunde liegenden Affekte spürte. 

Nun wollte er “Galgenmännchen”[11] spielen. Damit knüpfte Sam abkömmlingshaft an sein Hängen-gelassen-worden-Sein und Fonagys Deutung an.

Fonagy berichtet weiter: Das erste zu ratende Wort war “Fuß”, “... was sich jedoch erst unmittelbar, bevor ich gehängt werden sollte, herausstellte, weil Sam gemogelt und behauptet hatte, im Wort käme der Buchstabe ‚F‘ nicht vor.” Am Ende des Spiels malte Sam die beinahe gehängte Figur mit Bleistift aus, verschmierte und verkritzelte alles und kommentierte: „Es sieht schrecklich aus”. Dann verfinsterte sich sein Gesicht, verträumt schob er mit dem Zeigefinger das verschmierte Blatt auf dem Tisch herum. Sam validierte mit seinem abkömmlingshaften Spielentwurf Fonagys Übertragungsdeutung nicht. 

Ich bin davon überzeugt: Sam analysierte stattdessen, auf sich verschoben, Fonagys Unterlassung als dessen Mogeln; der fehlende Buchstabe “F” stand für Fonagy. Sams verschlüsselte Mitteilungen, als Ausdruck unbewußter Wahrnehmungen der aktuellen Interaktion mit seinem Analytiker verstanden, könnten ins Manifeste übersetzt bedeuten: Du hast richtig erkannt, dass ich mich von dir hängengelassen fühlte und deshalb zornig und traurig war, aber du hast versäumt, die Verantwortung für die Urheberschaft zu übernehmen. Dadurch fühle ich mich betrogen und belastet, ich bin der beinahe Gehängte, der projektiv benutzt wird (verschmiert und bekritzelt). Am Ende ist ein schreckliches, finsteres Introjekt in mir, weil ich mich böse und schuldig fühle. 

Fonagy verstand Sams abkömmlingshafte Mitteilungen weiterhin als Ausdruck seiner unbewussten Übertragungsphantasie. Er deutete: „Wenn du mir zeigst, wie grässlich und scheußlich du dich fühlst, wenn ich nicht erreichbar bin, hast du Angst, dass ich etwas Böses im Schilde führen und z.B. etwas von Dir stehlen könnte.“ 

Fonagy bot Sam ein Verständnis seines bösen, schrecklichen Introjekts an, das Ausdruck seiner auf die Zukunft gerichteten neurotischen Verlustangst (Diebstahl) sei, die eine projektive Verschiebung, d.h. die Übertragung einer Phantasie (verzerrte Wahrnehmung) auf den Analytiker beinhalte, des Inhalts, dass dieser böse sei und ihm etwas stehlen könne.

M.E. ist die wesentliche Aussage in Fonagys Deutung: Du hast Angst, dass ich Dir Böses tun könnte. Mit meinem Konzept, Sams Mitteilungen hier nicht als Übertragungsphantasie, sondern als unbewußte, wirklichkeitsgetreue Wahrnehmung zu verstehen, komme ich zu einem anderen Ergebnis. Dessen wesentliche Aussage wäre: Ich (Fonagy) habe dich (Sam) um eine Stunde bestohlen und habe es bis jetzt nicht zugegeben. Mein Mogeln fühlt sich schrecklich für dich an.

Sams Antwort - er sagte mit Baby-Stimme „Böser Dr. Fonagy“ - ist auf den ersten Blick schwer einzuordnen, wird aber im folgenden plausibler: Er spielte „Familienstammbaum“, d.h. er benannte alle Mitglieder seiner Familie. Dann sagte er: „Ich hab was verstanden. Es gibt drei Familien. Da ist Priscillas Familie, Fred-Papas Familie, und Peters Familie. Aber Fred-Papas Familie und Peters Familie sind keine richtigen Familien, weil sie noch andere Kinder haben.“

Ich schätze Sams möglicherweise ironische Bemerkung „ böser Dr. Fonagy“ als manifeste Abwehr seiner Enttäuschung von Fonagy ein. Er brachte keine latenten Abkömmlinge zur vorangegangenen Übertragungs-Deutung hervor. Für mich hat es den Anschein, als wenn Sam zu diesem Zeitpunkt vermied, über die aktuelle unbewusste Beziehungsdynamik mit seinem Analytiker zu kommunizieren und sich deshalb seiner Familiengeschichte, dem „Stammbaum“, zuwandte. Dann näherte er sich wieder der Gegenwart, seinen verzwickten aktuellen Familienbeziehungen. 

Man könnte Sams letzten Satz „Aber Fred-Papas Familie und Peters Familie sind keine richtigen Familien, weil sie noch andere Kinder haben.“ für den Ausdruck seiner inneren emotionalen Verwirrung über die verzwickten Familienverhältnisse halten, für eine aus Neid, Eifersucht, Wut, Enttäuschung, Angst und Affektabwehr gespeiste, die Realität verzerrende Fehlleistung. Sams weitere Äußerungen führen mich aber wieder zur aktuellen unbewussten Beziehungsdynamik mit Fonagy. Sam lauschte nämlich den Geräuschen im Haus und fragte: „Wieviel Kinder haben Sie?“  

Ich denke, indem Sam sich mit seiner Familiengeschichte befasste, suchte er unbewusst nach dem Motiv Fonagys, warum der seine Stunde hatte ausfallen lassen. Denn das war der Auslöser für Sams Symptomatik, die depressive Müdigkeit, das Böse-Werden und die Mogelei. 

Wenn nun, was ich nicht weiß, Fonagy in seinem Privathaus praktiziert hätte und Geräusche seiner eigenen Familie in die Praxis gedrungen wären, hätte Sam eine Bestätigung dafür gehabt, dass Fonagy kein „richtiger“ Analytiker wäre, weil er noch andere Kinder hätte. Das wäre eine auf die eigenen Väter, die keine „richtigen“ Familien haben, verschobene unbewusste Wahrnehmung Sams gewesen. Solange ich den Behandlungsrahmen von Fonagy nicht genauer kenne, bleibt dies aber nur spekulativ.

Fonagy antwortete : „Jetzt verstehe ich, glaube ich, besser, warum du zornig bist, wenn wir uns nicht sehen. Du spürst so deutlich, dass Fred und Peter richtige Familien  mit anderen Kindern haben, die geliebt werden. In deiner Familie gibt es nur dich und Priscilla und wenn sie müde ist, fühlst du dich betrogen und bist sehr zornig.“ 

Ich frage mich, warum Fonagy an dieser Stelle Sams persönliche Frage überging und von sich und Sam absah? Stattdessen konfrontierte er Sam damit, dass ihm der Vater fehlte, um für ihn da zu sein, wenn die Mutter müde war. Übertrug er unbewusste Schuldgefühle auf Sam, nicht richtig für ihn da zu sein?

Sam antwortete : „Wenn man kleine Babys hat, dann brauchen die viel Aufmerksamkeit.“ Ihm lief etwas Speichel aus dem Mund, den er schnell mit dem Ärmel seines Pullovers wegwischte. 

Sam antwortete m.E. mit einer Rektifizierung, nur wenig verschlüsselt auf Babys verschoben, und mit dem Speichel sich enthüllend: Patienten sind wie Babys, die brauchen viel Aufmerksamkeit, ich bin einer davon, gib mir soviel Aufmerksamkeit wie einem Baby!

Fonagy sagte : „Wenn du ein Baby wärst, so hoffst du, würden die Mama und ich sich nur mit dir beschäftigen. Wenn du aber sieben Jahre alt bist, kurze Haare hast und zornige Gefühle im Bauch, dann fürchtest du, dass wir müde werden, es uns reicht und wir keine Zeit mehr für dich haben."  

Als hätte Fonagy Sams Aufforderung zu mehr Aufmerksamkeit intuitiv verstanden, näherte er sich in seiner Deutung wieder der wesentlichen Dynamik zwischen Sam, ihm und der Mutter, obschon er seinem Übertragungskonzept weiterhin treu blieb, und von Sams projektiven Befürchtungen, Mama und Analytiker hätten keine Zeit mehr für ihn, redete.

Für mich folgerichtig antwortete Sam nun mit einer weiteren Rektifizierung, als hoffte er, Fonagy zu einem präziseren Verständnis seiner inneren Verarbeitung zu bringen. Er sagte „Es gibt drei Arten von Müdigkeit“ und erläuterte sie wie folgt: 

1.     „Traurig-müde“ sei er, wenn er auf dem Tisch liege, den Kopf zum Analytiker, die Füße in die entgegengesetzte Richtung weisend,

2.     „Müde-müde“, wenn seine Füße zum Analytiker zeigten, und

3.     „Glücklich-müde“, wenn er auf dem Teppich schlafe.

Fonagy sagte, „dass sie beide jetzt verstünden, wenn Sam wolle, dass er ihm dabei helfen solle zu verstehen, was in seinem, Sams Kopf vor sich geht, solle sein Kopf nah beim Analytiker sein, damit er hineinschauen könne, um zu sehen, warum Sam traurig sei, so wie heute.“[12]

Ohne es in seinem Bericht ausdrücklich zu erwähnen - vielleicht war es ihm gar nicht bewusst -, begriff Fonagy Sams Müdigkeitsdefinition und deren Erläuterungen als verschlüsselte Aufforderung an ihn, den Analytiker, Sams innere Verarbeitung besser zu verstehen. 

D.h. Sams Hoffnung ging in Erfüllung, dass ihm der Analytiker folgen solle, damit er ihm helfen könne. Fonagy deutete diesmal nicht im Kontext seiner Übertragungstheorie. Seine Interpretation enthielt keine Theorie-geleiteten Annahmen. Dementsprechend war Sams Reaktion. Manifest antwortete er: „Genau“. Dann wollte er eine weitere Geschichte mit Fonagy schreiben, eine wie die Geschichte vom Vulkan-Abenteuer, die sie vor einigen Monaten zusammen geschrieben hatten. Die neue Geschichte werde davon handeln, wie SNOPS ( eine Zusammenstellung seiner Initialen und der Anfangsbuchstaben der Nachnamen seiner drei Familien ) aufgewachsen sei. Es werde darum gehen, wie SNOPS zum Karate gehe und lerne, wie man tapfer werde und alle Diebe und Schlangenmonster vermöbeln könne.

Sam beschrieb in diesen Abkömmlingen am Ende der Sitzung seine von der Analyse auf den Karatekurs verschobene gute Hoffnung , dass er (in der Analyse mit Fonagy) lernen werde, sich gegen Diebe und Schlangenmonster (wie die Mutter und Fonagy?) tapfer zu wehren. In dieser Geschichte erzählte Sam von einem starken, guten Introjekt (Selbstrepräsentanz). Dabei handelte es sich um eine unbewusste, interpersonelle Validierung von Fonagys Deutung. Er hatte Sams Müdigkeits-Definition als verschlüsselte Mitteilung darüber, wie er seine, die analytische Arbeit machen sollte, um Sams Trauer wirklich zu erfassen, verstanden und bestätigt.

Sam brauchte sich nicht mehr böse, schuldig und verzweifelt zu fühlen, sondern konnte nun, weil Fonagy die Verantwortung für seine Schuld übernommen hatte, ein kraftvolles inneres Bild von sich (und dem Analytiker) entwerfen. 

Damit beendet Fonagy seinen Bericht über die Behandlungsstunde von Sam.

Als eine wesentliche Erkenntnis aus der Auseinandersetzung mit dem vorliegenden Material, die durch meine klinische Erfahrung bestätigt wird, möchte ich vorab schon feststellen: Wir Kinderanalytiker werden von unseren Patienten auch dann für die Sicherung des interpersonellen Rahmens der Behandlung verantwortlich gemacht, wenn nicht wir, sondern andere, wie die Eltern, Abweichungen von diesem Rahmen verursachen. 

Im Lichte dieser Fallanalyse und meiner klinischen Erfahrung möchte ich abschließend meine Auffassung von Übertragung verdeutlichen.

 

8. Was ist Übertragung? 

In meiner Untersuchung der Behandlungsstunde von Sam bei Fonagy sind meine vorangestellten theoretischen Überlegungen zur Übertragung und unbewussten Wahrnehmung bestätigt worden. Ich habe dabei die unbewusste Validierung der Interventionen und Deutungen des Analytikers durch den Patienten als Mittel der Überprüfung benutzt (vergl. Berns, 1994). 

Analytiker deuten auf der Grundlage ihrer jeweiligen theoretischen Annahmen darüber, wie ihre Patienten seelisch verarbeiten. Insofern dient die unbewusste Validierung auch der Überprüfung theoretischer Konzepte in der Psychoanalyse.

Ich habe die freien Einfälle von Sam, die den Deutungen (und Interventionen) Fonagys unmittelbar folgten, daraufhin untersucht, ob sie primärprozesshafte Mitteilungen enthielten, die Fonagys Annahmen von Sams innerer Wirklichkeit bestätigten. Dies war meistens nicht der Fall.Vielmehr fühlte sich Sam von Fonagy nicht verstanden, war depressiv-verstimmt oder zog sich aus dem Kontakt mit Fonagy zurück. Außerdem kommunizierte er seine verschlüsselten Wahrnehmungen über die tatsächlichen Bedingungen, unter denen er gerade mit Fonagy zusammen war. Sam signalisierte mit seiner unbewussten Bedeutungsanalyse (Dorpat,Miller, 1992) und seinen Verbesserungsvorschlägen Hoffnung, bei Fonagy tiefere Einsicht über die wirklichen  Zusammenhänge seiner inneren Verarbeitung zu erzeugen. Dies ist ihm am Ende gelungen. In seiner letzten Deutung gab Fonagy zu erkennen, dass er Sam bisher noch nicht verstanden hatte und dass er, Fonagy, um Sams Trauer zu verstehen, nah bei dessen Kopf sein sollte. 

Sam hat in dieser Analysestunde keine Übertragungsdeutung von Fonagy validiert. Damit hat er Fonagys und Sandlers Übertragungskonzept, das mit dieser Vignette illustriert werden sollte, in der Praxis nicht bestätigt. Sam validierte die letzte Deutung Fonagys, weil Fonagy seine unbewusste Wahrnehmung, die Sam ihm in Form seiner Müdigkeits-Diagnostik verschlüsselt mitgeteilt hatte, verstanden und bestätigt hatte. Sam validierte diese Deutung unbewußt mit dem kraftvollen Bild  von der gemeinsamen Geschichte.

Bei allen Abkömmlingen von Sam in dieser Stunde handelte es sich um unbewusste Wahrnehmungen der gegenwärtigen Interaktion mit seinem Analytiker und deren unbewusste Analyse auch im Hinblick auf seine reale Lebenssituation und ­-geschichte. Die wesentlichen emotional bedeutsamen Inhalte waren Verwirrung, Übergriff, Verlust, Verlassen- und Bestohlenwerden, Vernichtung, die er mit seinen freien Einfällen erzählte. Gemeinsames Merkmal seiner „narratives“ war ein passives Erleiden, am deutlichsten im Traumbericht von Emil-und-den-Detektiven. Sams Einfälle ließen sich alle auf den gegenwärtigen interpersonellen Rahmen seiner Behandlung beziehen, für den Fonagy stand. Sam teilte abkömmlingshaft mit, dass die Bedingungen seiner Begegnung mit Fonagy momentan so beschaffen waren, dass er unter ihnen litt.

In der Entwicklung der Psychoanalyse hat Freuds Übertragungskonzept zu einer einseitigen Ausrichtung an der Phantasie geführt. Außerdem hat Freud, als er das Strukturmodell mit seinen Binnenkonflikten einführte, dazu beigetragen, dass die Erforschung der unbewussten Kommunikation und Interaktion zwischen Patient und Analytiker vernachlässigt wurde. Diese einseitige Orientierung mündet in einer „Sprachverwirrung“ (Ferenczi) zwischen dem Analytiker und dem Patient, wie sie im Dialog von Fonagy und Sam zutage getreten ist: Sam kommunizierte unbewusste Wahrnehmungen. Fonagy verstand jedoch diese Mitteilungen entsprechend seiner theoretischen Auffassung als Übertragungsphantasien.

Wenn ich die Beiträge der verschiedenen psychoanalytischen Schulen zur Übertragung und Gegenübertragung, die in der „Psyche“ (Sept./Okt. 1999) veröffentlicht wurden, als momentanen „Stand der Wissenschaft“ zugrunde lege, dann erstaunt mich die weitgehende Abwesenheit genauer Fallanalysen zugunsten einer Fülle von Zuschreibungen, was Übertragung alles sein oder nicht sein könnte, ohne deren hinreichende Überprüfung anhand der Klinik.[13]  

Das Freudsche Übertragungskonzept erlebe ich wie ein unfertiges „Haus der psychoanalytischen Behandlungstechnik“. An diesem Gebäude wird seit vielen Jahren renoviert, um die wachsenden und sich verändernden Ansprüche seiner wechselnden Bewohner zu erfüllen. Mittlerweile ist daraus eine verwinkelte und unübersichtliche Villa geworden, über deren Ästhetik vornehm gestritten wird, ohne die Konstruktion auf ihre Tragfähigkeit zu prüfen. 

Das Fundament einer Übertragungstheorie sollte aus ihren klinisch verifizierbaren Bestandteilen gebildet werden. Aufgrund der Forschungsergebnisse der kommunikativen Psychoanalyse ist sogar wahrscheinlich, dass Patienten ihrem Psychoanalytiker viel weniger Übertragungsphantasien mitteilen, als gemeinhin angenommen wird. Eine klinisch brauchbare Konzeptualisierung von Übertragung muss die Existenz, Bedeutung und das klinische Verständnis der unbewussten Wahrnehmung berücksichtigen.

Um die introjektiven (Wahrnehmung) und projektiven (Übertragung) Anteile in den verschlüsselten Mitteilungen der Patienten theoretisch und klinisch zu unterscheiden, ist das Konzept vom sicheren interpersonellen Rahmen wesentlich. Ohne einen annähernd gemeinsam geteilten Bezugs-Rahmen, der ein Konzept vom Behandlungsrahmen einschließt, kann ich mir eine vergleichende Psychotherapieforschung, mit deren Hilfe die derzeitigen unterschiedlichen Übertragungskonzepte überprüft werden sollten, in der Psychoanalyse nicht vorstellen.

Aufgrund meiner bisherigen Ergebnisse versuche ich nun thesenhaft, den Begriff Übertragung zu klären:

1.     Die menschliche Fähigkeit der unbewussten Wahrnehmung und der unbewussten Bedeutungsanalyse des Wahrgenommenen dient der Aneignung wichtiger (versteckter) Mitteilungen von emotional bedeutsamen Anderen.

2.     Die Übertragung des Patienten kann begriffen werden als Folge und Ausdruck einer momentanen oder dauerhaften Fehlanpassung an die gegenwärtige Interaktionssituation, vorausgesetzt, der Analytiker bietet einen sicheren Rahmen an, d.h. sein Handeln ist relativ gegen-übertragungsfrei und bietet keinen Auslöser für pathogene Verarbeitungsweisen. Besonderes Merkmal dieser Fehlanpassung ist die Projektion verzerrter oder illusionärer Wahrnehmungen auf den Analytiker. Der Auslöser dieser Fehlanpassung entstammt der Innenwelt des Patienten. Ausdruck der Fehlanpassung ist eine tief verwurzelte Furcht vor einem zukünftigen Erlebnis mit dem Analytiker. Die die Furcht begleitendeVorstellung beinhaltet die Erinnerungen an erlittene Kindheitstraumen. Diese haben die wesentlichen unbewussten Schemata des Patienten geprägt. 

3.     Im analytischen Dialog kommunizieren Patienten dann Übertragungsphantasien, wenn sie alte pathogene Verarbeitungsmuster, Reinszenierungsversuche und Acting-Out-Entwürfe aufgeben. Diese Situation tritt ein, wenn der Psychoanalytiker einen sicheren Behandlungsrahmen dauerhaft anbietet, aber nicht durchsetzt, und/oder der Patient eine Sicherung des Behandlungsrahmens vornimmt. Erst die unbewusste Validierung durch den Patienten, die einer Wahrnehmungsdeutung oder Übertragungsdeutung folgt, kann dem Psychoanalytiker bestätigen, ob er die innere Wirklichkeit des Patienten erfasst und verstanden hat.

 

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Petersen, M.-L.   (1996 )    :  Der sichere Rahmen , Bestandteile, Handhabung und

                                            Wirkungen , in : Forum der Psychoanalyse, 12 (2) 

                                            S.110 -127, Springer, Berlin, Heidelberg

Sandler, J., Dare, Chr.,

Holder, A.          ( 1986 )  :   Die Grundbegriffe der psychoanalytischen Therapie, Klett-Cotta, 

                                            Stuttgart 

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Stolorow, R.D./

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Thomä, H.           ( 1999 )  :  Zur Theorie und Praxis von Übertragung und Gegenübertragung

                                             im psychoanalytischen Pluralismus, in: Psyche, 9/10, 53.Jg., S.   

                                             820 -872, Klett-Cotta, Stuttgart

 

Anschrift der Verfasserin :

Jutta Kahl-Popp

Lütjohannstr. 22

D - 24159 Kiel

   



[1] Überarbeitete und erweiterte Fassung des Vortrags „Was wirkt in der Kinderanalyse - Überlegungen zur Übertragung aus kommunikativer Sicht am Beispiel einer Fallvignette von Fonagy/Sandler“ (AKJP Heft 96, 4/1997), gehalten am 01.05.1999 auf der VAKJP-Jahrestagung in Hameln

[2] in Zusammenarbeit mit: H.Kennedy, M.Target, J.Sandler

[3] 1996 hatte Fonagy im “Forum der Psychoanalyse”  bereits dasselbe Fallmaterial für eine Diskussion der Beziehung von Forschung und Praxis publiziert. Der Bericht dieser Behandlungsstunde mit den genetischen und psychodynamischen Überlegungen im AKJP – Heft stimmt bis auf einige Begriffe, die unterschiedlich übersetzt scheinen, mit der Darstellung  im “Forum der Psychoanalyse”  überein.

[4] Zum aktuellen Stand verweise ich auf das gerade erschienene Sonderheft der „Psyche“ zum Therapeutischen Prozess und darin besonders auf Thomäs Beitrag „zur Theorie und Praxis von Übertragung und Gegenübertragung im psychoanalytischen Pluralismus“.  (1999, S. 820 - 872)

[5] Diese Umkehrung lässt sich an der Fallvignette „Papiertaschentücher“ von Sandler/Sandler (1999, S. 79 ff.) veranschaulichen : Zwar beziehen die Autoren das jede Sitzung wiederkehrende heftige Weinen der Patientin auf die Intervention des Analytikers, der beim allerersten Weinkrampf der Patientin mechanisch ein Päckchen Taschentücher hingeschoben hatte - m.E. ein Ausdruck seines Rollenangebots mit vielen denkbaren Implikationen. Sie interpretieren jedoch die „mechanische“ Handlung des Analytikers als ihm von seiner Patientin aufgezwungen, ihrer unbewussten Szene entsprechend.

[6] vgl. Dornes‘ Auseinandersetzung mit dem Phantasiebegriff in der Psychoanalyse, u.a. S. 99 f. (1997).

[7] Ferenczi ersetzt in dieser Arbeit den Begriff „Identifikation mit dem Aggressor“ durch den Begriff „Introjektion des Aggressors“, was ich sinnvoll finde, weil der Begriff Introjektion die Zwangsläufigkeit und das Ausmaß der Einverleibung des Angreifers in das eigene Selbst betont, während der Begriff Identifikation nach „...werden wollen wie...“ und nach einem gewissen eigenen Entscheidungsspielraum klingt, den ein traumatisiertes Kind gerade nicht zur Verfügung hat.

[8] In vielen Punkten enspricht Langs’ Konzept vom „secure frame“ oder „ideal frame“ den Freud’schen Grundregeln für die Behandlung.

[9] In meiner eigenen klinischen Forschung habe ich diese verschlüsselten Hinweise in Bildern einiger meiner Kinder-Patienten,  phantasievoll verschoben und weiterverarbeitet, wiedergefunden und zum Inhalt meiner Deutungen gemacht, die von den Patienten validiert worden sind (vgl. Kahl-Popp, 1998).

[10]Sams Beiträge und Fonagys Interventionen gebe ich originalgetreu und wörtlich wieder. Wegen der Übersichtlichkeit werden Sams Beiträge kursiv und Fonagys Interventionen unterstrichen geschrieben.

[11] Ein Spiel, in dem ein Spieler einen anderen Spieler ein erdachtes Wort erraten läßt, von dem entweder kein oder nur ein Buchstabe bekannt gegeben wird. Für jeden falsch geratenen Buchstaben wird ein Galgen aus einzelnen Strichen gemalt mit einer daran aufgehängten Figur. Ist die Figur vollendet, also tot, und das Wort noch nicht vollständig erraten, dann hat der ratende Spieler verloren.

[12] Es ist bedauerlich, dass Fonagy gerade diese Deutung nicht in direkter Rede wiedergegeben hat. Vielleicht erschien sie ihm weniger bedeutsam, weil es sich nicht um eine Übertragungedeutung handelte.

[13] Eine bemerkenswerte Ausnahme macht der Artikel von Gill,Thomä und Rotmann „Sich der Interaktion bewußt werden“, in dem eine ausführliche und kritische Analyse von Stundenprotokollen einer Behandlung vorgenommen wird, anhand derer theoretische Konzepte diskutiert werden.

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